Vorweg herzlichen Dank für die Zusendung eines Buches. „Heute bedeckt und kühl: Große Tagebücher von Samuel Pepys bis Virginia Woolf“ von Michael Maar, hier die Verlagsseite dazu.

Das passte hervorragend. Nachdem ich gerade „Das violette Hündchen“ von besagtem Michael Maar beendet hatte, sein Buch über Details in der Literatur, und dachte, dass dieses Buch mit den Tagebüchern von ihm im Anschluss genau richtig wäre – etwa eine Stunde nach diesem Gedanken lag es dann tatsächlich im Briefkasten, ich war kurz sprachlos. Also manchmal …
***
Ansonsten können wir, obwohl das Jahr noch keinen Tag alt ist, bereits einen Großtrend endgültig und nun zweifelsfrei ausrufen. Und zwar den Trend, der sich in den letzten Monaten und besonders in den letzten Wochen so deutlich abgezeichnet hat. Die Hinwendung zum Analogen nämlich, die zum ausdrücklich hippen Thema werdende Abkehr von der digitalen Zersetzung des Alltags und der Kultur.
Als Beweis für meine Behauptung führe ich Werbung an, die ich gestern zum ersten Mal gesehen habe. Es war Werbung für ein Magazin aus dem englischsprachigen Raum, in dem es um analoge Erlebnisse und Erfahrungen geht. Eine einigermaßen naheliegende Marktlücke, wenn man es sich überlegt. Man hätte wahrhaftig auch selbst darauf kommen können.
Enorm erheiternd fand ich dabei allerdings, wo ich diese Werbung gesehen habe. Nicht etwa als gedrucktes Plakat am Wegesrand oder als Anzeige in einem Print-Produkt, nein. Als Werbeformat auf Instagram, ausgerechnet. Ich habe dann leider nicht genauer nachgesehen, aber vermutlich gibt es dieses Magazin zum analogen Erleben auch oder sogar nur in einer Online-Version, womit es alles noch besser und witziger wird.
Denn reihenweise wird man Stand-up-Comedy-Formate mit den Details und den unvermeidlichen Widersprüchen dieses Trends befüllen können, und das einigermaßen mühelos. Aus Sicht der Boomer und der ihnen direkt nachfolgenden Jahrgänge auch noch mit einer besonderen Fülle von Material, eingedenk ihrer/unserer Jugenderfahrungen.
Wir, ich muss mich dazurechnen, wir werden all die jüngeren Menschen, die sich jetzt irgendeiner ihnen mehr oder weniger neuen analogen Tätigkeit zuwenden, ob sie dabei nun Schallplatten auflegen, großformatige Zeitungen auseinanderfalten, Freunde im Park treffen, gemeinsam Halma spielen, Holz hacken oder dicke Bücher auf dem Sofa lesen werden, wir werden sie alle und dauernd mit einem im Chor gemurmelten „Been there, done that, got the t-shirt“ begleiten können.

Und wie wir damals dabei waren! Selig werden wir in unseren reichen Erinnerungen schwelgen können. Alles werden wir besser wissen und uns bei den allfälligen Rückblicken und Reenactments hin und wieder zwanzig, dreißig oder sogar vierzig Jahre jünger fühlen.
Es wird uns ein Fest sein, ein großes. Nehme ich an.
Passend dazu habe ich, es war wieder einer dieser sogenannten Zufälle, einen Podcast zum Thema gehört. Obwohl der für mich eher unglücklich gewählte und abstoßende Begriff „Digital Detox“ im Titel vorkommt, war es doch interessant: „Bildschirmzeit gezielt reduzieren.“
Eine Sendung aus der WDR-Reihe „Innenwelt“ war das, 47 Minuten.
Zwei Einwände habe ich allerdings. Der befragte Psychologe ist zum einen selbst kein Anwender dessen, was er erforscht. Er benutzt Smartphones kaum und ist vermutlich signifikant weniger online als Sie oder ich, dies wird keine zu steile These sein. Ob es aber sinnvoll sein kann, sich seinem Forschungsgebiet solcherart zu entziehen, da bin ich mir nicht sicher. Schon klar, würde er über Kokain und Heroin forschen, würde man nicht von ihm verlangen, dass er das dauernd selbst nehmen muss, um alles zu verstehen. Aber im Falle des Digitalen geht es doch um einen eher riesigen Begriffsraum, den man kaum ansatzweise begreifen kann, wenn man nicht wenigstens geringfügig teilnimmt. Oder?
Was mich gleich zum zweiten Einwand bringt, der sich auf den in der Sendung fortwährend verwendeten Begriff „soziale Medien“ bezieht. Ich halte den für zu unscharf, um ihn in einem wissenschaftlichen Sinne zu verwenden. Wir haben alle längst kein einheitliches Bild und keine übereinstimmende Vorstellung mehr davon, was und wie diese sozialen Medien sind, worüber wir dabei eigentlich reden. Je nach Lebensalter und nach der damaligen Phase, in der wir mit diesen sozialen Medien in Kontakt kamen, wird das krass unterschiedlich ausfallen.
Wenn man weiterhin irgendetwas von diesen sozialen Medien nutzt, in welcher Intensität auch immer, wird man auch wissen, dass sich diese Medien erstaunlich schnell und auch gründlich ändern. Dass sie schwer zu greifen sind, schwer auszudeuten. Denn während man noch herumdeutet, wandelt sich das Gedeutete vielleicht gerade bis zur Unkenntlichkeit.
Es sind aber trotz dieser Einwände auf jeden Fall genug Inhalte in der Sendung, um sie als bereichernd zu empfinden. So kam es mir abschließend vor. Und ich kann mir selbstverständlich manches auch selbst anlasten, was da als Kritik am Onlineverhalten dargestellt wird. Weswegen ich es definitiv für sinnvoll halte, sich mit diesen Aspekten immer wieder zu beschäftigen.
Um dann aber hinterher, versteht sich, ein dickes, gedrucktes Buch auf dem Sofa zu lesen. Und dabei endlich, endlich auch während des lässigen Herumliegens an der Spitze der Bewegung zu sein. Wir könnten – auch ich komme auf Marktlücken! – im Zuge dieses Trends den berühmten „Armen Poeten“ von Spitzweg im Postkartenformat neu drucken und anders betiteln. Wir schreiben einfach „Der gechillte Hipster“ darunter und bauen darauf, dass dieses Bildchen bald in sämtlichen WG-Küchen des Landes an die Wände gepinnt werden wird. Da geht doch was!
Sehen Sie, so beginne ich das Jahr konstruktiv und vorwärtsgewandt. Und, es versteht sich von selbst, stets bemüht.
***
Sie können hier Geld in die virtuelle Version des Hutes werfen, herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch. Die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel.



















