Meine Erinnerung hätte mich wieder einmal betrogen, aber meine Begleitung und ich haben es dann nachgelesen: 2017 wurde die Elbphilharmonie fertiggestellt und eröffnet. Ich hätte aber auch eine Reihe von anderen Jahreszahlen geglaubt.
Damals, also 2017, sagte ich jedenfalls, dass ich erst einmal die anderen alle vorlassen würde, bis ich mir das da später auch einmal ansehe. Genau genommen sagte ich vermutlich in einem Anflug vollkommen ungerechtfertigter Stadtmitte-Arroganz so etwas wie: „Erst einmal die Pinneberger durchlassen.“ Ich habe nicht nachgesehen, ich sehe fast nie etwas bei mir selbst nach, aber womöglich bloggte ich auch etwas in der Art. Ich habe ein ungutes Gefühl, was das betrifft.
Aber egal, das sind Jugendsünden. Das war nämlich damals, das ist lange her, das war präpandemisch. Da waren wir alle noch jung und pausenlos im unkontrollierten Überschwang. Glaube ich.

Nun sind mittlerweile einige Jahre vergangen, und eine freundliche Stimme mit süddeutschem Einschlag im Tonfall sagte etwas wie: „It is time“. Man kennt es auch aus Filmen. Allerdings hat sie, weil ich hier mit meinen Einträgen nicht so schnell bin, wie ich mich sonst gerne gebe, und weil meist nur einer davon pro Tag erscheint, vieles schon vor mir geschildert.
Sogar den Aspekt mit der formellen Kleidung erwähnt sie. Der Aspekt, bei dem wir beide offensichtlich die letzten Menschen sind, die noch etwas rückwärtsgewandte Vorstellungen haben. Aber ich denke, es darf oder sollte sogar einige ausgesuchte Themen geben, bei denen man entschlossen rückwärtsgewandt ist. Und es auch konsequent bleibt. Mit einem bunten T-Shirt wird man mich in keinem Konzertsaal oder Theater etc. erleben.
Okay, mit einem bunten T-Shirt wird man mich nirgendwo erleben. Ich gebe es zu.

Wir waren also beide zum ersten Mal im Gebäude, meine Begleitung und ich, wir staunten beide etwa gleichermaßen. Lediglich vor dem Gebäude hatte ich einen deutlichen Vorsprung im Beeindrucktsein. Denn dort gehe ich dauernd auf meinen Spaziergängen vorbei und habe den Anblick daher seit Jahren schon alltagsintegriert. Aber ich verstehe schon noch, dass man staunend davorstehen kann. Es ist nun einmal ein sehr abgefahrenes Bauwerk.




Ein Bauwerk, das mir und manchen anderen in dieser Stadt nebenbei auch als Mahnmal dienen kann, nämlich als Mahnmal zur Erinnerung an das Nichtrechthaben. Das ist in der Bildungsgeschichte und für die Charakterentwicklung des Menschen wichtig, dass es so etwas gibt. Auch geistiges Scheitern will registriert werden. Ich gehörte jedenfalls im Jahr der Fertigstellung zu den vielen in dieser Stadt, die nicht recht an den Erfolg des Konzepts geglaubt haben. Die eher dachten: Da geht doch später kein Schwein mehr hin. Es wird dort leer bleiben, nachdem alle einmal zum Gucken da waren. Bei den hohen Preisen und bei der ernsten Musik, das kann doch nicht laufen.
Nun. Wir lagen dezent falsch.



Ein weiteres Bemerknis war die Erheiterung meiner Begleitung über meine Reaktion auf das Gebäude von innen und den Ausblick von oben. Denn wenn ich ein wirklich bemerkenswertes Stück Architektur sehe, verbunden mit einer unzweifelhaft prachtvollen Postkartenaussicht, die auch ich nicht alle Tage habe, dann kann es sein, dass mich das seelisch ein wenig bewegt. Und ich daher sowohl dieses emotionale Aufwallen wie auch das feine Panorama mit der für unsere Gegend typischen Eloquenz anerkennend mit einem bedachten „Jo“ kommentiere.
Dies entspricht nicht ganz dem Enthusiasmus, den Menschen aus anderen Landesteilen in solchen Situationen ausdrücken. Man gibt sich dort wortreicher, wenn nicht enthusiastisch sprudelnder.
Und wie viel Gefühl in einem Jo stecken kann, es ist auch nicht eben einfach zu vermitteln.



Die Mischung aus angenehmster Begleitung, die nicht eben jeden Tag in der Stadt ist, und einem besonderen Gebäude, das ich noch nicht von innen kannte, sowie bewährter und verlässlicher Musik (Tschaikowski) und einem bestens gelaunten Solisten (Alexander Melnikow) ergab einen Sonntag der besonderen Art. Der sich viel eher nach Pause, Alltagsferne, Ausbruch und Sondervergnügen anfühlte als andere.
Und an so etwas, stellte ich dabei fest, habe ich womöglich Bedarf. Etwas mehr Bedarf auf jeden Fall, als ich mir das an vielen anderen Sonntagen, an denen ich aufgrund der Erdenschwere und diverser anderer Probleme doch wieder nichts unternehme, zuzugestehen bereit bin. Aber auch dabei möchte ich fast annehmen: Sie kennen das.
Wie ich drüben bei der Begleitung lese, hat der Mensch, der für die Akustik des Gebäudes zuständig war, auch in München etwas mit Philharmonie gemacht. Vielleicht sollte ich einen Gegenbesuch …
Aber wie auch immer. Nächsten Sonntag etwa kann ich nicht, alles Schritt für Schritt.
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Der Frühling ist vorbei, höre ich am Dienstagabend im Wetterbericht. Aber nicht etwa, weil er demnächst freundlich in den Sommer übergeht und wir den Osterspaziergang von Goethe diesmal also passend wie kaum jemals zitieren dürfen, nein. Weit gefehlt!


